Die Solarförderung in Deutschland sinkt im Herbst erstmals unter die Marke 10 Cent pro Kilowattstunde und unterbietet somit den Preis von Atomstrom aus den neuen Kraftwerken in England. Spezialisten sehen eine Trendumkehr voraus, während die großen Energiekonzerne nicht darauf vorbereitet sind.

Photovoltaik Boom 2.0 vs. AtomstromIn Hamburg wittert Vincent De Rivaz, der England-Chef des großen französischen Stromanbieters EDF, ein gigantisches Geschäft in Großbritannien. Der Versorger will 4 neue Atomreaktoren errichten, mit einer Gesamtleistung von 6400 Megawatt. Damit schreien die Briten nur so nach Energie.

Es gibt aber einen Haken an dem englisch-französischen Deal: Er ist teuer. Denn EDF fordert einen garantierten Preis von satten 11,5 Cent pro Kilowattstunde – und das über 35 Jahre, exklusive des geforderten Inflationsausgleichs. Damit winken EDF unterm Strich Einnahmen von etwa 166 Mrd. Euro, das ergab die Rechnung des Unternehmensberaters CF Partners.
„Wir wollen einen angemessenen Profit“, kommentierte De Rivaz diese hohe Forderung. Der Schachzug von EDF zeigt: Die Ökostrom-Anbieter sind nicht mehr die Messlatte in der Energiebranche.

In der Realität verzeichnet allerdings ausgerechnet der als teuer geltende mittels Photovoltaikanlage erzeugte Solarstrom einen derartigen Preisrückgang, dass er in Mitteleuropa jetzt sogar günstiger ist als Atomenergie aus neuen Kraftwerken. So wird der Preis pro Kilowattstunde für Atomstrom nach dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) auf 10,9 Cent berechnet.

Solarstrom ist günstiger als Atomstrom

Dahingegen sinkt die Einspeisevergütung für Solarstrom aus größeren, solaren Kraftwerken in Deutschland bald (Oktober 2013) auf unter 10 Cent pro Kilowattstunde. Allerdings, so Erneuerbare-Energien-Expertin Simone Löfgen von der Commerzbank: “ Auch bei einer Vergütung von unter zehn Cent ist eine Rendite von 4 bis 4,5 Prozent möglich„. Eine weitere positive Meinung gibt DIW-Expertin Claudia Kemfert: „Solarstrom ist günstiger als Atomstrom – das ist ein positives Signal für die Energiewende“.

„Wir haben den Punkt erreicht, an dem die Solarenergie beim Preis mit allen anderen Formen der Energieerzeugung mithalten kann – mit Ausnahme von Onshore-Windkraft an der Küste“, das ist die Meinung von Berhard Beck, der Geschäftsführer von Belectric, Deutschlands größtem Solarkraftwerk-Projektierer. Der Preis ließe sich so auch noch auf unter 9 Cent pro Kilowattstunde drücken, wenn der Gesetzgeber geeignete Flächen zur Bebauung freigeben würde.
Erinnert man sich an die vergangenen paar Jahre: Die Einspeisevergütung lag bei horrenden 40 Cent pro Kilowattstunde. Obwohl sich andere Methoden der Energieerzeugung nicht nur über diese Energieerzeugungskosten vergleichen lassen, reichen die Konsequenzen dieses Preisverfalls sehr weit.

Ein „Photovoltaik-Boom 2.0“ ist durchaus denkbar

E.on, RWE und EnBW sowie Vattenfall geraten so stärker unter Druck, denn sie haben diesen Trend verschlafen und fast nichts in Solaranlagen investiert. So kommt es, dass die konventionellen Kraftwerke auf Grund der schubhaften und wenig kontrollierbaren Stromeinspeisungen aus Wind-, Solar-, und Biogasanlagen oftmals nicht auf voller Leistung laufen. Weiterhin sorgen die erneuerbaren Energien für einen niedrigen Preis und einen hohen Konkurrenzdruck. So war deren Boom nur durch milliardenschwere Subventionen möglich, welche die Stromkunden noch sehr lange schultern müssen.

Ausbau auch ohne Zuschüsse möglich

Ein weiterer Ausbau ist nun aber vergleichbar günstig oder sogar ganz ohne irgendeinen Zuschuss möglich: Die Versorger könnten beim Erwachen ein Energiewunder erleben. So spricht Energieexperte Manuel Frondel vom RWI (Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung) bereits von einem „Solarboom 2.0“. Das bedeutet konkret, dass Hauseigentümer weitere Dachflächen mit Solarmodulen bebauen könnten und so weniger Strom kaufen müssen. Der Absatz (Anzahl der verkauften Kilowattstunden) der Stromanbieter sinkt somit weiter. Auch die Netzbetreiber müssten drastische Konsequenzen daraus ziehen: Durch die Einspeisung bzw. den Eigenverbrauch von Solarstrom durch Privatpersonen umgehen diese die Netzentgelte. Dem müsste mit einer höheren Gebühr pro Kilowattstunde entgegengewirkt werden. Die übrigen Verbraucher zahlen also die Zeche. Die EEG Umlage könnte daher auch weiter steigen. Grünen-Politiker fordern bereits eine Abgabe auf den Eigenstromverbrauch.

Einziger Helfer für die Konzerne bleibt der Staat

Die Nachfrage an Strom kann allerdings nicht durch erneuerbare Energien gedeckt werden, wenngleich diese Energie billiger ist, so ist sie nicht in einem ausreichenden Maß verfügbar. Die Speicherung von Photovoltaik bereitet viele Probleme, sei es nun weil sie teuer ist, oder weil viele Menschen in ihrer Nähe keine Speichersee wollen.

Weiterhin verträgt sich die Ökoenergie nicht immer mit konventionellen Kraftwerken: Oftmals kommt es vor, dass sowohl die Photovoltaikanlage als auch das Kohlekraftwerk auf voller Leistung läuft.

Derartige Konflikte will der Gesetzgeber in der nächsten Legislaturperiode regeln, wahrscheinlich nicht ohne finanzielle Mittel. So lohnt es sich für die Versorger auch wieder, neue Kraftwerke zu bauen, welche dann auch oft stillstehen und den erneuerbaren Energien den Vortritt lassen müssen. „Energiekonzerne müssen bei Kraftwerksneubauten künftig stark auf eine finanzielle Absicherung drängen“, meint DIW-Expertin Kemfert dazu.

Selbst der Atomkonzern EDF benötigt in der Heimat ein feinfühliges Händchen für Verhandlungen: Auch in Frankreich schossen die Kosten für Atomstrom neuerdings in die Höhe. Die Solarstrom-Produktion ist derweil im sonnigen Süden noch einmal etwas günstiger als in Deutschland.

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